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Exkursionsbericht

 

Fossilien-Exkursion Geisingen in Baden-Württenberg, Deutschland

Leitung: David Ernst

Anstelle der vorgesehenen Exkursion ins Fricktal, die wegen der Grabungsverweigerung durch den Förster und den Landwirt nicht zustande kam, machte David Ernst einen Last-Minute-Vorschlag: Paläontologische Exkursion nach Geisingen in Baden-Württemberg, Deutschland. Der Weg war kurz. Geisingen liegt nur 30 km weit von Schaffhausen. Die meisten Teilnehmer erwarteten so eine kurze Anfahrt nicht und waren schon eine Stunde vor dem Zeitpunkt vor Ort. Dank grosszügigem Entgegenkommen der Zementfabrik Geisingen durften wir sowohl in der Tongrube als auch im Schotterwerk graben.

Nach Regenfällen war die Tongrube schlammig, die Arbeit dreckig und schwer. Hacke und Schaufel mussten her. Belohnt wurde die Anstrengung jedoch wenig. Irgendwie wollte die Schicht Unter-Dogger/Ober-Aalenium Ammoniten, wie Ludwigien, Leioceraten und Hammatoceraten, nicht preisgeben. Urs fand ein paar ganze Ammoniten, und Renato verletzte sich am Finger. Gut, wenn man Verbandszeug dabei hat!

Ein Teil der Gruppe wechselte in den Kalk-Steinbruch mit der Hoffnung: dort mehr Erfolg zu haben, und der liess nicht lange auf sich warten. Malm-Kalke lieferten ganze und fragmentare Ammoniten verschiedener Grösse und Form, auch Abdrücke (Negative) davon, Belemniten, Muscheln...

In vergangenen Jahrhunderten fanden Fossilien in oft unterschätztem Ausmass als unheilabwehrende Zaubersteine oder Heilsteine Verwendung. Da ihr organischer Ursprung noch nicht bekannt war, wurde aus der äusseren Form auf ihre Entstehung geschlossen. Die Form bestimmte auch den Verwendungszweck. Similia similibus curantur. Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt!

In den spiralig aufgerollten Ammoniten wurden Schlangen gesehen, die durch göttlich Einflüsse zu Stein geworden waren. Schlangensteine bringen Glück, Sieg, Reichtum und Schutz vor Krankheiten, Behexung und Blitzschlag. Erst im Christentum bildete sich die Vorstellung von der verfluchten Schlange.

In vorchristlichen Kulturen wurden Schlangen als heilbringend angesehen. Sie waren, als Sinnbild der Verjüngung, dem Gott der Heilkunde Asklepios geweiht. Sein Heiligtum und Heilzentrum in Epidauros genoss Ansehen in der gesamten antiken Welt. Als im Jahre 293 v. Chr. in Rom die Pest wütete, sollte - so berichtet die Sage - auf einen Orakelspruch hin Asklepios von Epidauros nach Rom geholt werden. Als die Gesandtschaft die Statue des Gottes holen wollte, kam eine Schlange unter dem Altar hervorgekrochen, schlängelte bis in den Hafen und rollte sich auf dem Schiff zusammen. Die Römer fuhren mit der aufgerollten Schlange in die Heimat zurück. Im selben Augenblick, als diese in Rom das Schiff verliess, hörte die Pest schlagartig auf.

Manche Belemniten, Teil des Innenskelettes fossiler Verwandter der Tintenfische, besitzen eine gelbbraune Farbe und riechen beim Zerbrechen oder Reiben nach Bitumen und Ammoniak. Ihre Gestalt ähnelt Fingern oder Armbrustbolzen. Sie waren ein begehrtes Heilmittel bei allen Arten von Nieren- und Blasenleiden. Da der im Harn enthaltene Ammoniak die Augen reizt, andererseits aber Tränen bei manchen Augenkrankheiten heilfördernd sind, wurden sie auch in der Augenheilkunde bei Mensch und Tier verwendet.

Auf ihre phallische Gestalt und die damit verbundene aphrodisierende und potenzfördernde Wirkung muss wohl nicht näher hingewiesen werden!

Belemniten mit der Form eines Armbrustbolzen wurden als Geschosse von Alben oder Elfen, später von Hexen angesehen. Das Tragen eines solchen Fossils schützt vor Albdrücken (= Alpträumen) und Hexenschuss, aber auch vor Seitenstechen und allen Arten von Brustleiden.

Glück, dass ich viele davon fand. Von nun an werde ich gut schlafen. Röbi klopfte eine wunderschöne kegelförmige Turmschnecke heraus, vermutlich eine Pleurotomaria. Die rezent lebenden Gattungen der Familie Pleurotomariidae leben in Meerestiefen von 200 -400 m bei Japan, Taiwan Westindien und Südafrika. Die Familie galt als ausgestorben, bis 1855 ein unvollständiges Gehäuse entdeckt wurde.

In meinem Rucksack verstaute ich einige ganze Muscheln, die ich später als Tropeothyris deutete. Sie sind mittelgross, mit länglichem Umriss, beide Klappen sind konvex, mit deutlichen konzentrischen Anwachsstreifen.

Und noch eine interessante Versteinerung fand in meinem Rucksack Platz. Die Form ist einer Eukalyptusfrucht ähnlich, jedoch von Gulliver-Ausmassen. Der Querschnitt ähnelt dem eines Zedernzapfens.

Literatur:

Schlangeneier und Drachenzungen. Fossilien in Volksmedizin und Abwehrzauber. Ausgabe

zu der Sonderausstellung der Vorarlberger Naturschau Dornbirn, Österreich. 1999.

Mayr, Helmut: Versteinerungen. BLV, München, 1991.

Text: Ekaterina Ovsiannikova-Keymer

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